Henry DARGER (1892, Chicago bis 1973, Ebenda)

Kurz vor seinem Tod entdeckte man in der Wohnung von Henry Darger eine über 5’000 Seiten lange Autobiographie, ein 10’000 Seiten umfassendes, handgeschriebenes Manuskript, etliche Tagebücher sowie ein über 10 Jahre geführtes Wettertagebuch. Größtes Aufsehen erregte das 15’145 Seiten Epos mit dem Titel The Story of the Vivian Girls, in What is known as the Realms of the Unreal, of the Glandeco-Angelinian War Storm, Caused by the Child Slave Rebellion. Darger begann im Alter von 19 Jahren heimlich an dieser gigantischen Geschichte und arbeitete sein gesamtes Leben daran. Die surrealen Bilder offenbaren die Abenteuer der sieben Vivian Girls – tugendhafte Prinzessinnen mit einem Penis. Sie werden vom Hauptmann einer Einrichtung zum Schutz der Kinder unterstützt, den er nach sich selbst benannte. Die Saga ist mit mehreren hundert Zeichnungen und Aquarellen illustriert, doppelseitige Panoramen mit bis zu 3,5 Metern Länge, meisterhaft in Komposition und Farbzusammensetzung. Darger sammelte, pauste durch, schnitt und klebte, verarbeitete Abbildungen aus Magazinen, Malbüchern, Comics oder Kinderliteratur und ließ sich von religiösen Abbildungen inspirieren.

 

Mit vier Jahren verlor Henry Darger seine Mutter, die bei der Geburt seiner Schwester starb. Bis er acht Jahre alt war, lebte er bei seinem Vater. Als dieser in ein Altersheim ging, kam er in ein katholisches Kinderheim. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1905 startete er eine Serie an Fluchtversuchen, die 1908 erfolgreich endeten. Er reiste zurück nach Chicago und fand dort Arbeit als Hausmeister in einem katholischen Krankenhaus, wo er die nächsten 50 Jahre seinen Lebensunterhalt bestritt. Seit 1930 lebte Darger als Mieter bei Nathan und Kiyoko Lerner, die kurz vor seinem Tod sein künstlerisches Werk entdeckten. Sie kümmerten sich um seinen Nachlass und machten seine Kunst bekannt. Darger erhielt posthum internationale Anerkennung, so finden sich seine Werke in wichtigen Sammlungen wie der des Museum of Modern Art und dem American Folk Art Museum in New York.